Ärztin im Einsatz

Prim. Dr. Gabriele Wiesinger-Eidenberger in ihrer Abteilung – © Gregor Hartl | www.gregorhartl.at

Ärztin im Einsatz an der Grenze zum Leben

© Gregor Hartl | www.gregorhartl.at

Ärztin im Einsatz an der Grenze zum Leben

Intensivmedizin erfordert Höchstleistung. Intensivmedizin an den Kleinsten der Kleinen, an Frühchen und Neugeborenen, erfordert höchste Höchstleistung. Sie täglich zu bringen, erfordert eine extra Portion innerer Stärke. Von der Neonatologin Prim. Dr. Gabriele Wiesinger-Eidenberger wollen wir erfahren, wie sie damit umgeht, täglich so nah am Leben, aber auch am Tod zu arbeiten, wo sie ethische Grenzen sieht und woraus sie Kraft schöpfen kann. 

So winzig klein und zart, dass sie in nur eine Erwachsenenhand passen, sind manche der Frühchen und Neugeborenen. In ihren Inkubatoren und Bettchen auf der Abteilung für Neonatologie der Landes-Frauen- und Kinderklinik in Linz verschwinden sie beinah zwischen Polstern und Decken. Ruhig, behutsam und gezielt machen Ärzte und Pfleger ihre Handgriffe, streicheln die Kleinen an der Wange, werfen einen Blick auf angeschlossene Apparate, drehen oder drücken Knöpfe, reden leise mit Eltern und helfen ihnen und ihren Säuglingen auf dem manchmal schwierigen Weg ins Leben. An der Spitze des Teams: Primarärztin Dr. Gabriele Wiesinger-Eidenberger. Zum Gespräch mit KOPFSACHE kommt sie mit zielstrebig raschem Schritt und einem großen Lächeln.

Sie sind seit 1988 auf der Früh- und Neugeborenen-Abteilung der Neonatologie in Linz. Warum gerade dieser Bereich?

Ich wusste schon mit sechs Jahren, dass ich Kinderärztin werden möchte. Mit ein Grund dafür war wohl auch, dass ich von klein auf – ich war auch selbst ein Frühchen – über die Jahre sehr viele Kinderarzt-Kontakte gehabt hatte. Und schon an meinem ersten Arbeitstag auf der „Neo“  (Neonatologie) hier im Haus habe ich gewusst: „Hier will ich nicht mehr weg.“ Von Beginn an hat mich besonders beeindruckt, dass die Kinder auch schon nonverbal so viel ausdrücken können. Man kann so viel von ihnen lernen, sie zeigen alles mit Mimik, Gestik oder auch ihrem Herzschlag, ihrer Atmung. Einfach faszinierend.

Sie arbeiten mit Babys, die zur Welt kommen oder geholt werden, bevor sie selbständig überleben könnten. Das bedeutet wahrscheinlich auch, dass sich viele ethische Fragen stellen.

Derzeit gelten in Österreich folgende Leitlinien: Kinder in den Schwangerschaftswochen 22+0 und 23+6 also nach der vollendeten 22. Woche und bis zur vollendeten 24. Woche – gelten als kritisch, es werden allerdings Maßnahmen zur Lebenserhaltung gesetzt. Ab der vollendeten 24. Gestationswoche wird alles zur Erhaltung der Lebensfähigkeit getan, denn da sind Überlebenschancen schon erheblich besser. Aber auch Säuglinge, die reif geboren werden und trotzdem komplexe Fehlbildungen in verschiedensten Bereichen aufweisen stellen uns immer wieder vor schwere Entscheidungen und Fragen. Jeder Fall erfordert interdisziplinäre Gespräche mit verschiedensten, medizinischen Fachrichtungen, aber natürlich auch mit der Pflege – sie kennt die Kinder besonders gut – und den Eltern. Gemeinsam muss man dann den richtigen Weg für jedes einzelne Kind finden.

Prim. Dr. Gabriele Wiesinger-Eidenberger in ihrer Abteilung – © Gregor Hartl | www.gregorhartl.at
Prim. Dr. Gabriele Wiesinger-Eidenberger in ihrer Abteilung – © Gregor Hartl | www.gregorhartl.at

Wo liegt für Sie die ethische, moralische oder medizinische Grenze?

Ich finde, wir sind an der Grenze angelangt. Unter der 22. Schwangerschaftswoche werden weltweit keine lebenserhaltenden Maßnahmen gesetzt. Das Problem dabei ist nicht die Unreife verschiedener innerer Organe, sondern im Speziellen die Haut. Sie ist bei Frühchen vor der 22. Woche nur als einzellige Schicht ausgebildet und jede Berührung führt sofort zu einer Verletzung ähnlich einer Brandwunde. Dafür gibt es derzeit keine medizinische Lösung. Ethisch finde ich es wichtig, dass es eine Grenze gibt. Je kürzer das Kind in der Gebärmutter ist, umso unreifer sind Organsysteme, zum Beispiel auch das Gehirn. Und Frühchen in der 23. und 24. Schwangerschaftswoche weisen nicht nur komplexe, medizinische Problematiken auf, sondern haben später sehr wahrscheinlich Beeinträchtigungen in verschiedensten Bereichen.

Sie sind selbst Mutter. Haben sich Erfahrungen aus dem Berufsalltag auf Ihre Einstellung als Schwangere, als Mutter übertragen?

Ich habe meinen Sohn während meiner Ausbildung bekommen und bin nach sechs Monaten wieder arbeiten gegangen. Peter war dann bei meiner Mutter. Zuhause sein, bei Kochlöffel und Pampers, wäre einfach absolut nicht meines gewesen. Allein deshalb würde ich sagen, dass berufliche Erlebnisse mich wohl eher nicht zu einer besonders ängstlichen Mutter gemacht haben. Während der Schwangerschaft gab es Komplikationen, auch die Geburt war nicht unproblematisch, aber ich habe mir deshalb nicht gleich vorgestellt, was noch alles schief gehen könnte. Bei der Geburt habe ich mit ihm geschimpft, er solle atmen, als er nicht gleich Luft geholt hat. Hätte er es nicht getan – ich hätte einfach selbst eingegriffen und ihn reanimiert.

Das heißt, Sie hätten notfalls auf Ihr medizinisches Können aus Ihrem Alltag auf der Neonatologie zurückgegriffen. Wie sieht der Alltag hier aus?

Als Primarärztin habe ich administrative Tätigkeiten und bin nicht immer direkt in der Station tätig. Besprechungen, Personalfragen, alles was eben so anfällt. Aber der Tag beginnt immer damit, dass ich mit meinen Fachärzten in der Morgenbesprechung aktuelle Probleme durchgehe. Grundsätzlich ist vor allem die Intensivstation mein Zuhause. Ich bin einfach gerne hier, mache zum Beispiel auch noch Nachtdienste und habe einiges an Patiententätigkeit. Auf der Station selbst ist am Vormittag und am Nachmittag jeweils einmal Visite, nachmittags die Dienstübergabe zwischen Tag- und Nachtdienst. An einem guten Tag können solche Meilensteine auch ohne Störungen beendet werden. Meistens aber ist es turbulent, währenddessen gibt es einen Notfall, zum Beispiel ein Kaiserschnitt. Oder aber es kommen drei aufeinanderfolgende Aufnahmen, ab und an auch gleich mal Drillinge. Das ist natürlich alles nicht planbar. 

Damit arbeiten Sie und Ihr Team täglich unter Hochdruck.

Ja, sicher. Intensivmedizin ist Intensivmedizin – egal ob für 90 Kilogramm oder für 900 Gramm, es ist intensiv. Das muss man mögen. Das kann sicher nicht jeder. Denn es ist auch wichtig zumindest nach außen hin Ruhe zu bewahren. Innerlich ist man vielleicht manchmal nicht so ruhig, aber das ist etwas, das man lernen muss, etwas, das man sich mit der Zeit aneignet.

Wie gelingt es Ihnen mit diesem Druck umzugehen? Schottet man sich emotional ab?

Zum Teil. Man wächst mit der Zeit einfach in die Arbeit hinein und lernt mit den Gegebenheiten umzugehen. Wir führen auf der Station täglich Gespräche über alles, was passiert. Und wenn es etwas gibt – wenn es mal innerlich zu brodeln beginnt oder angespannte Situationen entstanden sind – dann spricht man drüber. Damit ist schon viel passiert. 

Ärztin im Einsatz an der Grenze zum Leben
Prim. Dr. Gabriele Wiesinger-Eidenberger in ihrer Abteilung – © Gregor Hartl | www.gregorhartl.at

Nutzen Sie oder Ihr Team dabei auch Supervisionen?

Das Angebot für Coaching oder Superversion gibt es natürlich für alle, die es nutzen möchten. Aber es wird nicht besonders viel in Anspruch genommen. Wir versuchen Geschehnisse eher im Team zu verarbeiten. In einem guten Team gelingt das auch.

Nicht jeder Tag ist gleich, deshalb wird es auch nicht jeden Tag gleich einfach sein Situationen oder auch schwierige Fälle nach getaner Arbeit abzuhaken. Passiert es auch, dass man etwas „mit nach Hause“ nimmt?

Ich kann Probleme, Schwierigkeiten – eben die Arbeit – auch  sehr gut auf der Station lassen. Ich ziehe meinen Arztkittel aus, gehe aus der Türe und bin damit „außer Dienst“. Eine für mich sehr wichtige und bewusste Trennung von Privatleben und Beruf. Auch das ist mir nur möglich, weil es ein Team gibt, in dem man sich aussprechen kann und weil ich gute Vertretungen habe, auf die ich mich verlassen kann. 

Gibt es einen Fall, der Sie besonders beeindruckt hat, den Sie einfach nicht vergessen können?

Es gibt viele Schicksale, die mich berührt haben. Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Kind, das ich zu Beginn meiner Ausbildung versorgt habe, obwohl es den damaligen Leitlinien entsprechend in der 25. Schwangerschaftswoche noch nicht als überlebensfähig gegolten hat. Das Kind wog zwar nur 600 Gramm, hat aber ohne medizinische Hilfe auch nach zwei Stunden noch leise gewimmert. Ich habe es also trotzdem erstversorgt und inkubiert. Mit zwei Jahren ist dann das kleine Mädchen zu mir auf die Station gekommen und hat auf meinem Computer gespielt. 

Woraus schöpfen Sie in Ihrer Arbeit auf der Station Kraft?

Von solchen Erfolgsgeschichten. Es baut am meisten auf, wenn Familien gemeinsam nach Hause gehen können – und nach einiger Zeit wieder auf der Station vorbeischauen, Fotos oder Briefe schicken. Letztere hängen wir gerne an den Wänden in den Gängen auf. Besonders in Phasen, in welchen viele schwierige Fälle zusammenkommen, muss man sich immer wieder vor Augen halten, wie vielen Kindern wir schon helfen konnten.

Was verschafft Ihnen im Privatleben Ausgleich?

Ich bin leidenschaftliche Handarbeiterin und werkle viel im Garten. Hobbys, wo man zu einer gewissen Ruhe findet, wie zum Beispiel Stricken, manchmal Basteln und eben viel Garteln. Sport brauche ich keinen – ich laufe schon im Dienst genug. 

Wirkt sich eine Arbeit so nah an Leben und Tod eigentlich auf das Privatleben aus?

Schon. Es relativiert einiges, man nimmt vieles nicht so schwer. Manche machen aus einem Schnupfen eine schlimme Krankheit, andere regen sich wegen Banalitäten auf und machen wegen eigentlichen Lappalien furchtbaren Terror, sehen alles sehr tragisch. Darüber ärgere ich mich dann innerlich, denn ich kann es nicht verstehen. Wenn es keinen Grund gibt, sich zu ärgern oder Angst zu haben, sollte man sich einfach freuen können. 

Autor: von Christine Buchinger