© Alex Ray| www.alexray.at

© Alex Ray| www.alexray.at

© Alex Ray| www.alexray.at

© Alex Ray| www.alexray.at

Alex Ray - der Gedankenleser?

Für ihn gehört die Skepsis seines Gegenübers zur täglichen Ordnung. Alex Ray ist ein bisschen Gedankenleser, eine Prise Telepath und Löffelverbieger, ein Stück weit Magier, aber vor allem eins: Menschenkenner. 

Als Mentalist hat er nichts Übernatürliches an sich, wie er immer wieder im KOPFSACHE-Interview betont, wohl aber beste Kenntnisse um die menschliche Psyche. Der ehemalige Barkeeper, der schon mit neun Jahren dem Zauber der Magie mit einem Zauberkasten verfallen ist, lebt in Europa, den USA (Las Vegas) und Asien seinen Herzenswunsch: die Menschen zu begeistern. 

Was macht ein Mentalist?

In erster Linie ist es Entertainment. Wir Mentalisten versuchen Leute auf unsere Art und Weise zu unterhalten – nicht mit klassischer Zauberei, sondern mit einer eigenen Art der Zauberkunst. Es geht nicht um Tricks, sondern um den Menschen selbst. Wir verzaubern, indem wir Menschen deuten und lesen. Das Wissen, wie jemand tickt und Informationen aufnimmt, kann natürlich auch in anderen Bereichen eingesetzt werden. Insgesamt gibt es also jede Menge Mentalisten, nicht nur die auf der Bühne, sondern auch solche, die Reden schreiben, Kommunikationsberater sind oder im Marketing arbeiten. 

Das heißt, du weißt, wie die menschliche Psyche funktioniert. Wie setzt du das in deinen Shows ein?

Ich gehe auf das Publikum zu und stelle die Behauptung auf, dass ich Gedanken lesen kann. Ein Zuschauer kommt auf die Bühne, wird gebeten an etwas zu denken und ich versuche dahinterzukommen, was es ist. Der Prozess des Gedankenlesens sollte für den Zuseher so offen und erkennbar sein, wie nur möglich. Ich lasse ihn ein bisschen hineinblicken in diese Welt. Ich achte auf Körpersprache, darauf was und wann derjenige etwas sagt und wie er mit mir kommuniziert, welche Worte er dazu verwendet und wie er auf meine Suggestionen reagiert. Natürlich ist das Ganze eine Show, also verrate ich nicht alle meine Tricks. 

Welche Suggestionen setzt du dabei ein?

Ich bitte den Zuseher aus bestimmten Postkarten in Gedanken eine auszuwählen – die Motive sind Strand, Himmel, Landschaft, etc. Dann sage ich ihm, an was für ein Bild er gerade denkt. Die Erklärung ist einfach: In Wirklichkeit war es nie die Entscheidung des Zusehers, sondern ich bringe ihn dazu, sich für ein bestimmtes Bild zu entscheiden. Solange ich ihn mit Worten, Gesten, Handlungen dazu bewege, seine Gedanken entlang meiner Hilfspunkte zu formen, glaubt er aber trotzdem, dass es seine Entscheidung war. 

Wie suggerierst du etwas? Wie funktioniert das?

Der Leser kann das selbst ausprobieren: Gib dir selbst eine Auswahl an vier gleichwertigen Gegenständen, zum Beispiel die Buchstaben A, B, C und D. Dann wählst du einen davon aus. Wenn ich das in der Show mache, sage ich als nächstes, dass derjenige sich einen der Buchstaben A, B, C oder D aussuchen soll. Dabei hebe ich leicht die Augenbraue beim Buchstaben B, strecke den Finger nach unten und betone ihn zusätzlich durch einen erhöhten Tonfall. Dadurch bekommt er sehr viel zusätzliche Aufmerksamkeit und wird wahrscheinlicher gewählt als ein anderer. Außerdem greift noch die Statistik, dass man nicht das wählt, was der Schreibhand am nächsten ist, also nicht A oder D, je nachdem, ob man Links- oder Rechtshänder ist. Damit liegt die Wahrscheinlichkeit, dass B oder C gewählt werden bei 90 Prozent. 

Alex Ray fasziniert sein Publikum mit unglaublichen Effekten  – © Alex Ray| www.alexray.at
Alex Ray fasziniert sein Publikum mit unglaublichen Effekten – © Alex Ray| www.alexray.at

Aber die 10 Prozent gibt es immer noch. Was passiert wenn’s schief geht?

Man kann denjenigen beglückwünschen, dass er es geschafft hat, sich nicht manipulieren zu lassen und macht dann den nächsten Trick mit ihm. Das Scheitern führt absurderweise nur dazu, dass die Zuseher mir mehr Glauben schenken. Sollte es so sein, dass ich bei einer meiner Shows zu viel richtig lag, dann baue ich sogar gegen Ende absichtlich kleinere Fehler ein, damit ich nicht allzu richtig liege. Nur so wirke ich authentisch. Noch absurder ist, dass Zuschauer oft nach der Show auf mich zukommen und um Hilfe für ihren kranken Onkel oder um Hilfe dabei bitten, ihre Ex-Freundin zurückzugewinnen. Obwohl ich zu Beginn und am Ende der Show betone, dass nichts davon, was ich tue, echt ist oder gar etwas Übernatürliches.

Wie bist du zum Gedankenlesen und Löffelverbiegen gekommen?

Ursprünglich angefangen habe ich mit klassischer Zauberei mit neun Jahren – da habe ich zum Geburtstag drei Tricks bekommen. Als ich diese in der Schule vorgezeigt habe, entstand eine Sucht. Nur konnte ich den gleichen Trick natürlich nicht am nächsten Tag nochmal vorzeigen und es mussten immer neue Tricks her. Vor allem meine Eltern haben mich dazu motiviert, immer wieder neue zu lernen – die Armen haben den gleichen Trick ja nach 200 „Privatvorführungen“ nicht nochmal sehen wollen (lacht). Als ich später im Gastgewerbe gearbeitet habe, waren die Tricks die perfekte Kombination zu meiner Arbeit als Barkeeper. Später traf ich in Amerika einen Mentalisten, der mich auf diese Fährte führte. 

Bei wem hast du dein Handwerk gelernt?

Banachek, ein in den USA sehr bekannter, Mentalist war und ist mein großes Vorbild. Durch seine Bücher und Videos habe ich begonnen zu lernen. Ich habe mir durch andere Mentalisten und durch Fachliteratur viel angeeignet, aber auch Seminare besucht und bin regelmäßig bei den beiden jährlichen Fachkongressen. 

Das Unterbewusstsein ist sein Spielplatz – © Alex Ray| www.alexray.at
Das Unterbewusstsein ist sein Spielplatz – © Alex Ray| www.alexray.at

Das heißt, da werden die Tricks verraten? Nicht wie bei Magiern, wo die Tricks nicht weitergegeben werden?

Es gibt enorm viele Menschen, die sich als Zauberkünstler sehen und sich schon mit zwei Kartentricks in der Tasche eine Visitenkarte drucken lassen und sich als solche verkaufen. Zauberartikel und -bücher sind eine Industrie geworden, jeder kann sie kaufen. Bei den Mentalisten ist es keine so offene Szene – beim Kauf eines Buches muss man zum Teil gleich unterschreiben, dass man das darin vorhandene Wissen nicht weitergeben wird und man verklagt werden kann, wenn nachgewiesen wird, dass man es doch getan hat. 

Klar, denn nur so werden Illusionen bewahrt. Aber es sind „nur“ Illusionen. Glaubst du trotzdem daran, dass Telekinese oder Telepathie funktionieren könnten?

Ich würde gerne dran glauben, habe aber bis jetzt noch keinen Beweis dafür gesehen. Ich war bei sehr viel Wahrsagern und Hellsehern, um jemanden zu finden, der nicht mit denselben Techniken arbeitet, die Mentalisten auch benützen. Ich habe noch keinen gefunden.

Es gibt sehr viele überlieferte Geschichten zu Menschen, die Unglaubliches vollbracht haben in Sachen Gedankenmanipulation. 

Das stimmt. Aber vieles, was überliefert wird, hat einen großen Anteil Mythos. Das kommt daher, dass Menschen sich niemals zu 100 Prozent genau an das erinnern, was wirklich passiert ist. Zum Beispiel, wenn Leute nach meiner Show erzählen: „Der hat gar nichts gesagt, ist nur vor mir gestanden und hat mit dem Finger auf mich gezeigt und hat den Namen vor meiner Großtante Rosie gewusst.“ Aber die große Tricktechnik rundherum, an die erinnern sie sich nicht. Auch daran nicht, dass ich sie auf die Bühne gebeten habe, wo sie sich von Haus aus unwohl fühlen, wo all ihre Schutzschilder unten sind. Allein damit sind sie derart nervös, dass ich ihnen sehr leicht viel suggerieren kann. 

Welche verschiedenen Techniken gibt es da?

Viele. Eine davon nennt sich „Priming“. Wie man eine Situation im Vorhinein mit Worten manipuliert, hat Einfluss auf das, wie man über die Situation denkt. Beispiel: Ein Schrei im ersten Stock, dann hört man Glas zerbersten und jemand rennt schnell aus dem Haus. Man glaubt: „Da ist jetzt was passiert“, weil man davon ausgeht, dass das eine unmittelbar mit dem anderen zu tun hat. Wüsste man, dass bei einer Dame in der oberen Wohnung ein Windstoß durchs offene Fenster kam und dabei ihre Lieblingsvase zertrümmert hat und der Mann eigentlich in der unteren Wohnung wohnt und nur schnell zum Bus rennt, würde man erkennen, dass kein kausaler Zusammenhang zwischen den Dingen besteht. Weiß man es nicht, bildet man sich seine eigene Geschichte. 

Welche sonstigen Techniken kommen zum Einsatz? Oder ist das zu geheim?

Neben der verbalen Suggestion ist eine meiner wichtigsten Technik aus der Psychologie die „Definition is Creation“. Wenn du jemandem etwas sagst, was gleich passieren wird, dann wird das für denjenigen auch tatsächlich gleich passieren. Wenn ich also jemanden auf die Bühne hole und ihm erkläre, dass er mit Leichtigkeit, ohne Probleme und Kraftaufwand, jetzt gleich selbst den Löffel ein klein wenig verbiegen wird, glaubt dieser Zuseher das auch – egal, ob es tatsächlich geschieht oder auch nicht. Es passiert zwar nichts, nicht im Geringsten, aber der Zuseher auf der Bühne schwört, dass sich der Löffel verbogen hat. Ein weiteres Tool ist „Pacing and Leading“, das heißt, ich muss das Publikum dort abholen, wo sie jetzt sind – in einem entspannten, zurückgelehnten Zustand – und in meinem Tempo durch die Show mitführen, damit meine Effekte funktionieren. Ich muss sie dazu zwingen, mitzugehen und mir zu folgen – aus der normalen, „logischen“ Blase hinauszutreten, damit ich einen Mythos kreieren kann. Man muss allerdings bedenken, dass es höchst manipulativ ist. Man zwingt dem anderen seinen Willen und seine Gedanken auf.

Gibt es Grenzen? Also Grenzen, wo etwas einfach nicht geht?

Ja, habe ich auch schon erlebt. Ich begann mit einem Mann einen Trick, es klappte und alle Zeichen standen auf „Go“. Also legte ich los und machte mit dem nächsten Effekt weiter. Aber dieser Mann hatte nach dem ersten Effekt innerlich umgeschaltet und fing nun an, mir zu 100 Prozent zu glauben – und plötzlich ging nichts mehr, keine einzige meiner Suggestionen funktionierten mehr, egal was ich versuchte.

Das heißt, deine Effekte funktionieren nicht bei jedem?

Ich kann nicht jeden meiner Effekte mit jedem Zuseher spielen. Ich muss sehr schnell entscheiden, ob und mit wem ich bei einer Show einen Effekt mache – oder auch mal weglasse. Aber in diesem Fall war es das Fehlen jeglicher Skepsis, das alles unmöglich machte.

Alex Ray in Las Vegas  – © Alex Ray| www.alexray.a
Alex Ray in Las Vegas – © Alex Ray| www.alexray.a

Aber wenn die „normale“ Portion Skepsis da ist, die deine Zuseher haben, funktionieren die Suggestionen?

Ja. Es gibt zum Beispiel einen Kartentrick. Ich fordere jemanden dazu auf, gewisse Karten mit Symbolen darauf in einer von ihm gewählten Reihenfolge zu legen – aus dem Bauch heraus. Ich behaupte, erraten zu können, welche Reihenfolge es ist. Diese scheint nicht vorgegeben, ist sie aber – denn in den Symbolen auf den Karten „verstecken“ sich Zahlen: eine Linie, drei Wellen, die vier Seiten eines Vierecks, etc. Und ich suggeriere, dass diese Karten der Zahlenreihe nach zu legen sind – ohne, dass der Zuseher überhaupt bewusst mitbekommt, dass die Karten mit Zahlen bestückt sind. Meistens macht er es trotzdem den Zahlen nach. 

Wenn ein so banaler Trick funktioniert, müssen wir doch allen neuen Informationen von außen skeptisch gegenüberstehen? 

Ja. Sehr, sehr skeptisch. Wenn mir etwas Neues als besonders gut und großartig präsentiert wird, sollte ich mir das sehr genau ansehen – egal, ob das eine politische Meinung oder Werbung ist. Gibt es eine Sub-Botschaft? Die Hauptfrage wäre: „Why should I care?“ (Warum sollte es mich interessieren?) 

Sehr gesellschaftskritisch. Damit sind wir alle aber eher gedankliche Passagiere, Reaktionsmaschinen, die lediglich auf Reize reagieren. Kein freier Wille?

Freien Willen haben wir natürlich schon, aber wir machen zu wenig Gebrauch davon. Wir werden permanent bombardiert von so vielen Seiten, die uns alle sagen wollen, was wichtig und richtig für uns ist, dass wir gar keine Chance haben, einen eigenen Gedanken zu fassen. Wer einmal quer durch ein Einkaufszentrum geht – nirgendwo stehen bleibt, nur geht – merkt, dass man nach 15 Minuten wirklich müde geworden ist. Der Grund: Man wurde manipuliert. 

Sind Stadtmenschen – weil sie mit mehr Werbung konfrontiert werden – leichter oder schwieriger zu manipulieren als zum Beispiel Landmenschen, die weniger Werbung gewohnt sind?

Meine Suggestionen und Techniken sind so stark und die Bühne als Umgebung so aussergewöhnlich, dass ich beinahe jeden erwische. Einfacher zu führen und zu lenken sind wahrscheinlich die, die Werbebotschaften nicht so ausgesetzt sind. Denn ein Städter lernt, die ständige Manipulation durch Werbung irgendwann mal auszublenden. Aber das ist eine rein subjektive Annahme.

Die mentale Stärke, die du hast, ist aber – wie bei einer Everest-Besteigung – das Wesentliche für das Funktionieren eines Effekts, für das Erreichen eines Ziels?

Ja, genau. Ich muss das Endresultat vor mir sehen und daran glauben. Ich visualisiere innerlich immer, wie der Effekt ausgehen soll, also zum Beispiel, wie die Karten in der gewünschten Reihenfolge vor mir auf dem Tisch liegen. Ich brauche ein Bild davon, dass ich auf der Bühne glänze und muss dabei fühlen, dass ich die ungeschlagene Nummer eins bin – ähnlich wie Sportler. 

Aber es gibt auch Tricks, zum Beispiel wo ein Zauberer zu schweben beginnt, die derart unerklärbar sind, dass man fast an echte Zauberei glauben möchte. Können die auch erklärt werden?

Ja, natürlich! Nicht nur das Schweben gehört dazu. Auch die Kunststücke in meiner Show täuschen übernatürliche Fähigkeiten wie Gedankenlesen, Telepathie oder Telekinese vor. Wie wird es also für die Zuseher echt? Indem man scheinbar keine andere Lösung zulässt! Sherlock Holmes hat gesagt: „Wenn man alle logischen Lösungen eines Problems eliminiert, ist die unlogische, obwohl unmöglich, unweigerlich richtig.“ Eine Täuschungskunst, wie die klassische Zauberei es ist, ist sehr alt. Das Orakel von Delphi war die erste Zaubershow mit einem Publikum, das mit Opiaten betäubt wurde und mit riesigen, pneumatischen Steintüren, die aufgingen, wenn ein Hoherpriester seine Hände bewegt hat – das war vor tausenden von Jahren. Damit ist das Ganze ein Feld, das bereits mehrere tausend Jahre als echte Wissenschaft betrieben wird. Als Zuseher kommt man nur ein-, zweimal mit dieser Welt in Berührung. Glaubst du wirklich, dass du dann an alles gedacht hast, was es brauchen könnte, um diese Illusion zu erzeugen? Das kann gar nicht sein. Und davon lebt die Show.

Autor: von Christine Buchinger