Ines Papert, ein Superstar auch im Fels
Ines Papert, ein Superstar auch im Fels

© Visual Impact | Hans Ambühl

Ein bisschen frech sein schadet nicht

Ja, aber... Ja, aber was? Die Abenteurerin Ines Papert hat das Wort „aber“ weitgehend aus ihrem Wortschatz gestrichen. Die 41-Jährige ist vierfache Weltmeisterin im Eisklettern und einfache Mutter von Emanuel – beides ohne Wenn und Aber. Im Interview mit KOPFSACHE-Redakteurin Marlies Czerny spricht die deutsche Profi-Alpinistin über dieses spannende Verhältnis – und wie viel vom Titel ihres Buches „Unverfroren“ tatsächlich in ihr steckt.

Wie unverfroren sind Sie eigentlich, Frau Papert?

Extrem unverfroren. Der Buchtitel ist ja zweideutig. Er soll erklären, dass der Mensch doch bereit ist, etwas auszuhalten, wenn er nur will, wenn sich der Kopf dafür entscheidet – wie z.B. die eisige Kälte. Das andere ist: Man muss auch ein bisschen frech sein, sich etwas zutrauen. Einen Traum realisieren. Keine großen Zweifel an sich selber haben. 

Ohne Zweifel: Sehr oft haben Sie auch Männer abgehängt. Haben das immer alle so super gefunden? Oder haben Sie da auch Gegenwind gespürt?

Ich kam mit knapp 20 Jahren in eine Gegend im Berchtesgadener Land, wo die Rollenverteilung sehr klar und klassisch ist. Ich habe die Berge für mich entdeckt und bin anfangs nur einfache Routen geklettert. Da war es so, dass ich nicht immer gegrüßt worden bin. Später – wahrscheinlich auch, weil ich mich über meine Leistung behauptet habe, wurde ich anerkannt. Ich möchte aber keine falsche These in den Raum stellen. Man lernt sich natürlich auch besser kennen mit der Zeit und wächst hinein. Nun fühle ich mich als Teil der Gegend. 

Gibt es Momente, in denen Sie sich als Frau benachteiligt fühlen am Berg? Oder nerven Sie Fragen wie diese, die in Interviews ja immer wieder gestellt werden?

Das nervt eher. Ich fühl mich nicht als Frau am Berg, sondern als Mensch am Berg. Wir haben gewisse Stärken und Schwächen. Ich kann‘s anderweitig ausgleichen. Von daher sehe ich mich weder bevorzugt noch benachteiligt. Das Einzige, was ich ungerecht find: Wir tragen immer gleich schwere Rucksäcke wie die kräftigen Männer. Dabei bin ich kleiner als die meisten meiner Partner. Das könnte man ruhig gerechter aufteilen … 

Eine Eiskletterin par excellence
© Visual Impact | Hans Ambühl

Ihr Sohn Emanuel war noch keine sechs Jahre alt, als Sie viermal Weltmeisterin geworden sind. Das stelle ich mir nicht so einfach vor. Gab’s da auch Phasen, in denen Sie hin- und hergerissen waren zwischen dem Sein als Mutter und als Profisportlerin? Wo etwas auf der Strecke geblieben ist?

Nein. Ich hab ja von Anfang an versucht ihn zu integrieren und mitzunehmen. Bei Wettkämpfen war ich nur im Finale eine halbe Stunde nicht verfügbar. Ich hab ihn sogar in der Isolation (im Ruheraum vor dem Wettbewerb) gestillt. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich nicht da gewesen wäre. Meine Leidenschaft zum Klettern ist verbunden mit viel Reisen. Ich nehme ihn auch mit, und wir sind mittlerweile als Team unterwegs. Ich glaube, in Summe hat er mich mehr als Mütter, die acht Stunden arbeiten müssen. Und ich bin ausgeglichen, wenn ich vom Klettern heimkomme. Dann lässt es sich ertragen, wenn das Kind nervt (lächelt).

Was würden Sie Frauen raten, die Sie um Ihr Selbstvertrauen beneiden?

Was ich Leuten immer wieder rate, wenn Fragen auf mich zukommen: Dass man seine Träume wichtig genug nimmt. Viele Menschen, vor allem Frauen und Mütter, sagen: Ja, aber … ich kann ja nicht so lange weg. Klar findet man immer Argumente, warum etwas nicht geht. Aber am Ende des Tages muss man auf sich selber schauen. Das schafft jeder irgendwie, diese Träume zu erkennen, sie durchzuziehen. 

„Für mich ist der Kopf ein Rätsel. Oft geht’s gut und oft auch nicht. Das frustriert mich aber nicht. Das muss man akzeptieren.“ Ines Papert

Ja, aber … Man muss es einfach machen und probieren. Immer wieder an die Grenzen gehen – sofern man das möchte. Halt in seinem Möglichkeits- und Wohlfühlbereich. Ich fühle mich lebendig, wenn ich meine Grenzen spüre. 

Mich haben die extremen Erfahrungen auch im normalen Leben bestärkt. Die alltäglichen Probleme, die jeder so hat, sind nicht mehr in der Größenordnung wie früher. Ich denk mir da unterbewusst: Da haben wir schon etwas viel, viel Schlimmeres überstanden. Das ist mein Zugang. Und dieses „Ja, aber“ drückt nur aus: Ich würde gern, aber ich kann nicht. Das finde ich schade. Es gibt doch meistens die Möglichkeit, dass es geht

Ines Pappert
© Visual Impact | Hans Ambühl

Trainieren Sie Ihren Kopf wie Ihren Bizeps?

Unlängst war eine Psychologin im Kinder-Kletterkurs meines Sohnes. Sie hat klare Basics weitergegeben, ich hab neugierig zugehört. Mir war dann völlig klar: Bei mir ist alles im Klettern integriert. Ich mache mir keine Gedanken. Wenn ich das Gefühl habe, gut genug trainiert zu sein, dann bin ich auch im Kopf stark. Wenn ich das Gefühl hab, mich verlässt die Kraft: Dann wird auch der Kopf müde. Ich mache Yoga – zwar mehr aus gymnastischer Sicht – aber da ist auch ein meditativer Teil dabei: sich auf sich selbst und auf das Atmen zu konzentrieren. Es gibt für mich allerdings nichts Meditativeres als das Klettern an sich. Je schwerer es wird, desto mehr bist du mental gefordert. Es ist mir z.B. bei einer Erstbegehung in Kanada, als ich vorgestiegen bin, passiert, dass ich es nicht gecheckt hab, als ein Gewitter kam. Erst als es dreimal geblitzt hat, wurde ich darauf aufmerksam gemacht von meinem Seilpartner. Ich war so überrascht, hatte das gar nicht geschnallt. 

Das nennt man wohl Fokus … Können Sie den zu jeder Zeit hoch halten?

Es gibt immer wieder Tage, an denen es im Kopf nicht geht. Ich bin noch nicht draufgekommen, woran es liegt. Ich kann abends früh ins Bett gehen, auf mein ansonsten obligatorisches Glas Rotwein verzichten. Alles ist perfekt: Aber es geht nicht. Ich habe auch schon die ganze Nacht gefeiert, war total gerädert, und es ging mir auf. Für mich ist es ein Rätsel. Oft geht’s gut und oft auch nicht. Das frustriert mich aber nicht. Das muss man akzeptieren. 

Ihre jüngste Vortragsreihe heißt „Neuland“. Welches Gefühl ist es, der erste Mensch zu sein, der einen Fuß in ein neues Gebiet setzt?

Das ist spannend. Man weiß ja nie, wie es endet. Man hat keine Topos und keine Infos und kann natürlich scheitern. Vielleicht kommt man nicht hoch, weil plötzlich die Wand zu glatt ist, kein Griff und Tritt mehr da ist. Mit dem Risiko muss man leben und bereit sein, ohne Erfolg umzukehren. Früher hab ich Scheitern als Schwäche angesehen, das ist mittlerweile anders. Es sind oft so kleine Schritte, die einen weiterbringen. Es gibt Momente, da geht nichts mehr. Dann geht man etwas weiter rechts – und es löst sich auf. Das ist vor allem mental spannend. Man entwickelt oft unglaubliche Kräfte fürs Abklettern, anstatt noch zwei Meter weiterzuklettern. Dabei geht es nach oben genauso gut. Ich versuche dann kurz in einer Position zu bleiben, in der ich mich sicher fühle. Atme zwei-, dreimal und richte den Fokus wieder nach vorne. Das ist für mich das größte Abenteuer. Erstbesteigungen, wo noch niemand war. Das ist nochmal eindrücklicher als alles andere. 

Wie oft müssen Sie sich zu einem Schritt überwinden? Wie gelingt Ihnen das?

Ich muss mich permanent überwinden. Für mich ist entscheidend, mit wem ich unterwegs bin. Dass man harmoniert, der andere antreibt. Für mich wäre es das Schlimmste, wenn mich wer runterzieht. Jammern find ich am schlimmsten. Das ertrage ich nicht. Klar gibt’s Momente, in denen es zäh wird. Die Kunst ist, auch da die Stimmung hochzuhalten. Sich gegenseitig anzutreiben.

Ines Papert
© Visual Impact | Hans Ambühl

Wann haben Sie das letzte Mal gejammert?

Gestern. Weil mein Sohn furchtbar anstrengend war. Er ist gerade in der Pubertät. Da jammere ich auch schon mal (lächelt). 

Wann hatten Sie das letzte Mal Angst?

Das war in Kanada. Ich bin mit Emanuel eine ziemlich lange und alpine Tour geklettert. Beim Abseilen ist uns das Seil hängen geblieben. Ich kam nicht mehr hoch. Es wurde dunkel. Scheiße, da hatte ich auf einen Schlag alleine die volle Verantwortung. Ich hab eine Lösung gefunden, aber das hat eine Stunde gedauert. Da hatte ich wirklich Angst.

Ist es ein anderes Gefühl, mit Ihrem Sohn zu klettern als mit einem Ihrer langjährigen Partner?

Definitiv. Da liegt alles an mir. Da oben hilft dir keiner. Da ist mir wieder bewusst geworden, wie es ist, mit Leuten zu klettern, die wissen, was zu tun ist. Das war eine gute Erfahrung. 

Autor: Marlies Czerny