Trainer Reinhard Mantler lehrt die Beziehung zwischen Mensch und Tier – © Gregor Hartl | www.gregorhartl.at

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Führen mit PS

Wenn ein Top-Manager ein Pferd ohne ein einziges Wort dazu bringt, ihm zu folgen, dann beweist er echte Führungsqualitäten. Trainer Reinhard Mantler zeigt, wie die Vierbeiner Stärken und Schwächen eines Anführers spiegeln – und wie wir daraus lernen können, bessere Leader zu sein.  

Reinhard Mantler steht vor Amber, einer 27 Jahre alten Stute, und sieht sie kurz an. Dann dreht er sich um und geht in die entgegengesetzte Richtung davon. Und Amber folgt ihm im Round Pen des Horse-Man-Centers im oberösterreichischen Wolfern. Folgt – ohne Aufforderung, ohne ein vorheriges Wort, ohne Zeichen oder Berührung. Magie? Telepathie? Wie geht das? 

„Jetzt ihr“, sagt der Führungskräftetrainer zu seinen Teilnehmern. Keine leichte Aufgabe. Nicht allen gelingt es auf Anhieb, das Pferd zu motivieren, mitzukommen. Nach einigen Versuchen und vor allem durch gezielte Anweisungen schafft es aber jeder, Körpersprache, Präsenz und Wirkung so abzustimmen, dass die Stute folgt.

Die Übung zeigt, was Leadership heißen kann: Führung ohne Peitsche und Kommandos, dafür durch eine innere Haltung und – vor allem – mit mentaler Stärke. Zu Mantler kommen meist ranghöchste Führungskräfte, wie zum Beispiel Vorstände und Manager, die ihre Rolle als Vorgesetzte reflektieren wollen oder wenn Veränderungen in der Firmenstruktur angesagt sind. 

Auf Basis der eigens entwickelten Methode Horse-Man-Ship coacht und begleitet er Geschäftsführer, Vorstandsmitglieder und geschäftsführende Gesellschafter dabei, ihr Führungspotenzial zu verbessern. Denn nur die wenigsten kommen als geborene Anführer zur Welt. Viele haben Fachwissen und soziale Kompetenzen, müssen aber erst an ihren Chefqualitäten feilen. Ziel des Trainings ist es, dass sie einen authentischen, individuellen Führungsstil finden, der soziale Verantwortung und Respekt vereint. 

Das limbische Gehirn

Mantler erklärt, wie das funktioniert: „Mit Pferden können jene Aspekte von Führung erlernt werden, die mit rationalem Denken nichts zu tun haben, denn die Tiere spiegeln sehr direkt, wie unser sogenanntes limbisches Gehirn funktioniert.“ Dieser Teil des Hirns – der laut Forschung bei allen Säugetieren gleich „tickt“ – verarbeitet Gefühle und Triebe, denkt in Bildern und Metaphern, aber nicht in klaren, logischen Gedankenkonstrukten. 

„Rein praktisch bedeutet das: Wenn ich nur präsent wirken will, wird das nicht ausreichen. Nur wenn die Wirkung auch auf einer tieferen – also der limbischen Gefühlsebene, authentisch ist, wird mir das Tier folgen.“ 

Denn die Vierbeiner reagieren vor allem auf Körpersprache, also auf die Art und Weise, wie Gedanken und Intentionen nonverbal kommuniziert werden. 

© Gregor Hartl | www.gregorhartl.at
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Wie ein Spiegel

„Die Funktionen des limbischen Gehirn-

areals werden in unserer Gesellschaft sehr oft vernachlässigt, weil wir uns viel mehr mit den kognitiven Bereichen und dem rationalen Denken auseinandersetzen“, erklärt Mantler. Das limbische System übernimmt dabei vor allem in Stresssituationen das Denken. „Es ist egal, ob alt oder jung, gebildet oder weniger gebildet: Letztendlich reagieren viele Menschen in vielen Situationen gleich – und eben nicht wirklich rational.“ 

In der Arbeit mit den Vierbeinern können Zweibeiner wieder lernen, sich besser in diese nicht-rationale, nicht-logische Zone des Denkapparats einzuklinken, denn Pferde reagieren zu rund 90 Prozent limbisch. Mantler hält viel von dieser Rückmeldung: „Sie sind damit wie ein Spiegel, der uns vorgehalten wird, und geben direktes Feedback für unser Verhalten.“

Natürliches Herdenverhalten

Ein erster Schritt bei Seminaren ist, das natürliche Herdenverhalten von Pferden zu beobachten, um daraus Parallelen zu unserer Gesellschaft zu ziehen. Pferd und Mensch sind nicht nur durch eine 6000-jährige Geschichte eng miteinander verbunden, sondern haben auch die gleiche soziale Grundstruktur. Denn wie wir leben diese Tiere im Kleingruppenverband – und egal, ob das nun die Herde oder die Familie, die Firma oder die Organisation ist – die Funktionen und Verhaltensweisen sind die gleichen. 

„Bei Pferden gibt es das Prinzip Leitstute und Leithengst – die elementare Grundlage in der Führung. Die Stute hat soziale Verantwortung und genießt das Vertrauen der Herde, der Hengst verlangt Respekt und bietet dafür Schutz“, erklärt Mantler. „Eine gute Führungskraft vereint diese Qualitäten.“ Es braucht eben beide Aspekte, um gut leiten zu können – und eine Balance dieser zwei Chefqualitäten setzt eine aufmerksame Führungskraft voraus, die in Kontakt bzw. in Verbindung mit ihrer „Herde“, also ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist.

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Mentale Stärke

Das ist die Kunst einer echten, authentischen Führungskraft: Die mentale Stärke zu besitzen, den richtigen Mittelweg zwischen Fürsorge und Vertrauen auf der einen und gesundem Respekt und Schutz auf der anderen Seite zu finden. Im Laufe eines Seminars werden also nicht nur vorhandene Fähigkeiten reflektiert, sondern auch die mentale Stärke des „inneren Anführers“ trainiert. 

Die Funktionen des limbischen Gehirn-areals werden in unserer Gesellschaft oft vernachlässigt Reinhard Mantler

Was die Teilnehmer in der Arbeit mit den Pferden lernen, ist deshalb ganz individuell. „Jeder nimmt sich aus meinen Seminaren das mit, was er brauchen kann. Es gibt bei mir keinen einheitlichen Kurs, denn schließlich ist jeder Mensch anders.“ Nur eines haben die Teilnehmer am Ende eines Trainings gemeinsam: Sie wissen um ihre Stärken und Schwächen, ihr Führungspotenzial – und, dass ihnen Pferd wie Mensch folgt, wenn sie es richtig anlegen.

Autor: Christine Buchinger